Projekt

Bekleidungsgestalter/innen und Beobachtungsvermögen: Wie Lerntechnologien Lernende beim Verständnis nicht-textlicher Informationen unterstützen können

Find new solution
Die Studie soll untersuchen, wie zusammen mit Lehrpersonen an Berufsfachschulen für Bekleidungsgestalter/innen webgestützte Lernszenarien erarbeitet und so konzipiert werden können, dass sie die Entwicklung und die Verbesserung des Beobachtungsvermögens von Lernenden begünstigen.

Das Beobachtungsvermögen wurde in spezifischen Bereichen wie etwa der medizinischen Ausbildung umfassend untersucht. Diese Untersuchungen beschränkten sich allerdings auf hochspezialisierte Berufe. Die Bedeutung eines guten Beobachtungsvermögens in der beruflichen Grundbildung wurde noch kaum untersucht. Hinter diesem Forschungsvorhaben im beruflichen Umfeld der Bekleidungsgestalter/innen steht die Annahme, dass Lernszenarien, die auf der im Rahmen des Projekts Dual-T entwickelten digitalen Lernplattform Realto aufbauen, Lernenden helfen können, ihr berufliches Beobachtungsvermögen zu schärfen und technische Zeichnungen besser zu verstehen. Vor diesem Hintergrund sollen folgende Fragen beantwortet werden.

  • Welches sind die Besonderheiten des Beobachtungsvermögens von lernenden Bekleidungsgestaltern und -gestalterinnen und wie unterscheidet sich ihre Beobachtungsweise von derjenigen ihrer Lehrpersonen?
  • In welchem Umfang können in spezifische Lernszenarien eingebettete Technologien einen Mehrwert leisten, wenn es darum geht, lernende Bekleidungsgestalter/innen beim Lesen von Bildern zu unterstützen? 

Betreuer Dissertation:

  • Prof. Dr. Jean-Luc Gurtner (Universität Freiburg)
Methode

Im Rahmen einer ersten Studie wurde im beruflichen Umfeld der Bekleidungsgestalterinnen und -gestalter das Beobachtungsvermögen von Lernenden und Lehrpersonen untersucht. Diese Vorstudie zielte darauf ab, herauszufinden, wie sich Lehrpersonen und Lernende in ihrer Art und Weise, Kleider zu beobachten und Bilder zu lesen, unterscheiden. Diese Untersuchungen wurden an zwei Berufsfachschulen durchgeführt. Sowohl Lernenden als auch Lehrpersonen wurden Bilder mit Kleidern gezeigt. Beide sollten auf den einzelnen Bildern Mängel benennen und Möglichkeiten der Mängelbehebung nennen; ergänzt wurde die Untersuchung durch Unterrichtsbeobachtungen und halbstrukturierte Interviews mit Lehrpersonen und Lernenden.

In der zweiten Studie ging es darum, die Nutzung eines spezifischen Tools zur Unterstützung des in der ersten Untersuchung erfassten Beobachtungsvermögens von Bekleidungsgestalterinnen und -gestaltern zu analysieren. Gleichzeitig wurden bei dieser Untersuchung die aktuell in der Schweizer Berufsbildung verwendete Lern- und Leistungsdokumentation (LLD) und deren berufsspezifischen Funktionen unter die Lupe genommen. Unter anderem sollte geklärt werden, ob eine webbasierte Lern- und Leistungsdokumentation den Akteuren der verschiedenen Lernorte einen Mehrwert bringen könnte. Zu diesem Zweck wurden halbstrukturierte Interviews mit den Beteiligten aus allen Bereichen der Berufsbildung (Industrie, Gewerbe, Handel, Gesundheit und Soziales) geführt. Die Studie ermöglichte eine detaillierte Übersicht über die verschiedenen Funktionen der LLD in den einzelnen Berufen, aber auch über alle Berufe hinweg. Weiter lieferte die Studie Erkenntnisse, die die am Projekt Dual-T beteiligten Personen für die Entwicklung der Online-Lernplattform Realto nutzen konnten. So war es dem Projektteam möglich, die Plattform ganz auf die Bedürfnisse der verschiedenen Berufe abzustimmen.

In einer dritten Studie wurde die Plattform Realto in den zwei Berufsfachschulen für Bekleidungsgestalterinnen und -gestalter im Kanton Tessin implementiert. Insbesondere befasste sich die Studie mit dem Design und der Entwicklung von zwei Lernszenarien, die auf die Schärfung des Beobachtungsvermögens abzielten: In einem Szenario wurde mit der Überlappung, im anderen mit der Kommentierung von Bildern gearbeitet. Die Forschenden untersuchten, ob und inwiefern technologiegestützte Lernszenarien im Vergleich zum blossen Einsatz von Papier und Bleistift einen Mehrwert bringen. Dafür wurden beide Szenarien zuerst mit Papier und Bleistift und danach mit technologiebasierten Hilfsmitteln umgesetzt. Mithilfe von halbstrukturierten Interviews mit Lehrpersonen, Fokusgruppen mit Lernenden und Videoaufzeichnungen von Unterrichtsaktivitäten wurde schliesslich das Potenzial von technologiegestützten Lernszenarien untersucht.

Resultate

Die Ergebnisse zeigen, dass Bekleidungsgestalterinnen und -gestalter verschiedene zielgerichtete Vorgehensweisen haben, um Kleidungsstücke zu beobachten: 1. Erkennen von Mustern und sonstigen wichtigen Details; 2. Erkennen von Mängeln; 3. Körperanalyse der Kunden.

Die Untersuchungen zeigen auch, dass sich die visuellen Fähigkeiten von Lernenden und Lehrpersonen unterscheiden: Lehrpersonen haben eher die Sichtweise von Gestaltern, sie erkennen Muster und sonstige wichtige Details; fortgeschrittene Lernende dagegen sind eher «Mängelbeheber», das heisst, sie sind in der Lage, Möglichkeiten für die Behebung von Mängeln zu nennen. Weniger fortgeschrittene Lernende sind lediglich Beobachter und können vorerst nur einfache, oberflächliche Mängel erkennen.

Daraus lässt sich ableiten, dass das Beobachtungsvermögen von Bekleidungsgestalterinnen und -gestaltern ebenso komplex ist wie das von Fachpersonen in hochspezialisierten Berufen (z. B. medizinisches Fachpersonal, Architekten).

In Bezug auf Realto hat sich gezeigt, dass sich die Online-Plattform gut für die Unterstützung von vergleichenden visuellen Lernaktivitäten eignet und damit einen Mehrwert bietet. Insbesondere zeigt die Untersuchung, dass Realto bereichernde Lernerfahrungen ermöglicht, indem die Lernplattform zu Diskussionen im Unterricht anregt und die Lernenden motiviert, relevante Informationen aus verschiedenen Bildern herauszulesen und zu verwerten. In diesem Sinn schafft Realto bessere visuelle Voraussetzungen für Aktivitäten wie das Überlappen und Kommentieren von Bildern, die den Lernenden helfen, aus ihren Fehlern zu lernen. Zudem gibt die Plattform den Lehrpersonen Instrumente in die Hand, die ihnen bei der Verknüpfung von theoretischen Konzepten und praktischen Übungen wie dem Prüfen von Kleidungsstücken helfen.

Transfer in die Praxis
Format: 2021
Projektstatus: 
Abgeschlossen
Datum: 
1.8.2014 bis 30.10.2017
Weitere/ehemalige Mitarbeitende: 

Valentina Caruso