Damit der Betrieb ein Lernort mit Qualität ist

Der Ausbildungsbetrieb spielt in der dualen Berufsbildung eine zentrale Rolle. Um die Qualität der Ausbildung zu gewährleisten, müssen sich die betrieblichen Berufsbildner:innen auf gute Bedingungen in der Praxis verlassen können. Eine schweizweit durchgeführte Studie ermöglicht es, die Rahmenbedingungen für das Ausbilden im Betrieb zu hinterfragen.

An einem Bleistift hängende Schaukel vor blauem Hintergrund.
Fotografie von Erwan Hiroz, erstes Lehrjahr Interactive Media Designer:in, École romande d’arts et communication (Eracom), Lausanne
EHB

Von Nadia Lamamra und Matilde Wenger

Im dualen Berufsbildungssystem sind die Ausbildungsbetriebe sehr wichtig für die Qualifikation künftiger Fach­kräfte. Dabei stehen die betrieblichen Berufsbildner:innen in ihrem Alltag vor grossen Herausforderungen: Ei­nige davon ergeben sich speziell aus ihrer Arbeit, andere wiederum sind typisch für das duale System, zum Beispiel das besonders starke Span­nungsfeld zwischen Produzieren und Ausbilden.

Am wichtigsten sind den Befragten Zeit und eine Entlastung für die Ausbildung der Lernenden.

Wie Studien der EHB zeigen, ist der Alltag der betrieblichen Berufs­bildner:innen nicht selten von Zeit­mangel und geringer Anerkennung ihrer Tätigkeit geprägt. Zudem bewäl­tigen sie unzählige, mit der Ausbil­dung der Lernenden verbundene Auf­gaben, wobei die Organisation der Ausbildung stark von der produktiven Tätigkeit abhängig ist. Diese Aspekte wirken sich auf den Betrieb als Aus­bildungsort und die Qualität der ver­mittelten Kompetenzen aus. 

Herausforderungen der betrieblichen Ausbildung

Daten aus einer schweizweiten On­line­-Umfrage der EHB bei mehr als 5000 Berufsbildnerinnen und Berufs­bildnern in Unternehmen zeigen, welche Rahmenbedingungen für ei­ne qualitativ hochstehende Ausbil­dung notwendig sind. Die Umfrage «TOP Ausbildungsbetriebe (TAB) – Studie zu den Bedürfnissen von betrieblichen Berufsbildnerinnen und Berufsbildnern» erfolgte im Auftrag der Stiftung TOP­-Ausbildungsbetrieb. Dabei wurden den Teilnehmenden verschiedene Antworten vorgeschlagen.

Am wichtigsten sind den Befragten Zeit und eine Entlastung für die Aus­bildung der Lernenden, gefolgt vom Wunsch nach einem anerkannten Sta­tus im Betrieb. Weiter wünschen sie sich ein ausdrückliches Engagement des Betriebs für die Ausbildung der Lernenden.

Die erste Antwort widerspiegelt die Spannung zwischen Produzieren und Ausbilden. Diese macht sich im Alltag in Form von zu wenig oder nur zerstü­ckelter Zeit bemerkbar. Eine Entlas­tung scheint unerlässlich, um für die Ausbildung der Lernenden nicht auf Strategien an der Grenze des Vertret­baren zurückzugreifen: beispielswei­se während der Pausen oder ausser­halb der Arbeitszeiten auszubilden, wie es frühere Studien gezeigt haben.

Die anderen Antworten beziehen sich eher auf die Frage der offiziellen und symbolischen Anerkennung, sei es im Hinblick auf den Status, das Pflichtenheft oder das Engagement des Unternehmens. Während das Pflichten­heft es ermöglicht, die mit der Funkti­on verbundenen Aufgaben einzugren­zen, unterstützen der Status und das Engagement des Unternehmens die Rolle der Berufsbildner:innen im Ar­beitskollektiv.

Weniger wichtig sind den Befragten eine Entlöhnung oder Zielvereinbarung für ihre Ausbildungstätigkeit. Die Anerkennung muss demnach nicht zwingend materieller Art sein, sondern sie kann statusbezogen oder symbo­lisch sein.

Grafik zu Rahmenbedingungen Qualitätsvolle Ausbildung
Grafik: EHB/Captns

Grösse des Unternehmens und Funktion der Person sind relevant

Vergleichende Analysen zeigen Unter­schiede in Abhängigkeit von der Un­ternehmensgrösse und der bekleide­ten Funktion: Je grösser das Unterneh­men, desto mehr Rahmenbedingungen werden gewählt. Die Praxisbedingun­gen, die sich in diesen Entscheidun­gen widerspiegeln, scheinen also Per­sonen, die in grösseren Unternehmen arbeiten, mehr zu beschäftigen als ih­re Kolleginnen und Kollegen in klei­nen und mittleren Betrieben. Dieser Unterschied vergrössert sich bei den Aspekten Vergütung und Zeit, die in grösseren Unternehmen stärker im Vordergrund stehen. Dieselben Aspek­te unterscheiden sich in Abhängigkeit davon, ob jemand als Arbeitgeber:in oder als Berufsbildner:in agiert.

Die Antworten der Ausbildenden und Angestellten in Grossunterneh­men sowie der Arbeitgeber:innen und Angestellten in Kleinstunternehmen und KMU ähneln sich. Dies unter­streicht die Heterogenität der Situati­onen je nach Arbeitsumfeld, da in klei­neren Betrieben häufig die Chefinnen und Chefs die Lernenden betreuen. Diese Firmen stehen unter maxima­lem Rentabilitätsdruck, sodass sich die Ausbildung den Interessen der Produk­tion unterordnen muss. Selbst wenn der Wunsch nach Rahmenbedingun­gen für eine qualitativ hochstehende Ausbildung besteht, sind diese kaum realisierbar. Das Freigeben von Produktionszeit oder die Entlöhnung von Ausbildenden sind für kleine Betriebe kaum tragbare Kostenfaktoren, für grosse hingegen leicht zu bewältigen.

Rentabilität zulasten von Qualität?

Die Praxisbedingungen der Berufsbild­ner:innen widerspiegeln die doppelte Herausforderung der Ausbildungsbe­triebe, die Rentabilität zu gewährleis­ten und zugleich den Lernenden eine Betreuung zu bieten, die so nah wie möglich an der wirtschaftlichen Rea­lität ist. Der Weg zu einem qualitativ hochstehenden Ausbildungsbetrieb führt daher über die Optimierung der Rahmenbedingungen für die ausbil­denden Personen, damit sie sich in ih­rer Rolle anerkannt fühlen.

Diese Rolle ist für den Fortbestand des dualen Systems unentbehrlich, insbesondere in Zeiten, in denen be­stimmte Branchen kaum Personal finden. Denn der Erfolg des dualen Systems beruht nicht nur auf der Qua­lität der verschiedenen Orte, aus de­nen es sich zusammensetzt, sondern auch auf der Anerkennung all seiner Akteurinnen und Akteure.

Literatur

Berger, J.-L., Wenger, M. & Sauli, F. (2020). La qualité de la formation professionnelle duale en Suisse. Education permanente, (2), 91–99.

Lamamra, N. & Besozzi, R. (2019). Former en entreprise : les pratiques éducatives au cœur du monde du travail. Revue Suisse de Sociologie, 45(3), 317–336.

Wenger, M. & Lamamra, N. (2023). Les besoins et préférences en matière de formation continue des personnes formatrices d’apprenti-e-s. Analyses de l’enquête en ligne – Rapport final. HEFP.