Der Lernraum prägt die Pädagogik mit

Neue physische oder digitale Lernräume tragen zu einer besseren Rhythmisierung von Arbeit und Lernen bei. Sie fördern das selbstorganisierte und an den individuellen Bedürfnissen ausgerichtete Lernen. Die Vielfalt moderner Lernsettings ist gross und wandelt sich stetig. Das zeigt eine Befragung von Leiter:innen der Berufsbildung in Schweizer Unternehmen.

Portrait mit Schatten in Form von Glasscherben
Fotografie von Florian Cuttat, erstes Lehrjahr Interactive Media Designer:in, École romande d’arts et communication (Eracom), Lausanne
EHB

Von Antje Barabasch

Ansprüche an Kompetenzen verändern sich. Die Handlungsorientierung hat Einzug in die Rahmenlehrpläne der Berufsausbildung gehalten. Damit einher geht der Anspruch, stärker transversale Kompetenzen zu entwickeln, Theorie und Praxis besser miteinander zu verknüpfen und individuelleres Lernen zu ermöglichen. Lernräume sollen flexibel und den Anforderungen entsprechend  gestaltet werden. Manche Raumkonzepte folgen dem  Makerspace-Gedanken: Gemeint ist damit eine offene Werkstatt, die sich immer wieder neu gestalten lässt. Die Schindler Aufzüge AG möchte so junge Menschen für technische Berufe begeistern.

Offene Lernlandschaften gestalten

Viele grössere Unternehmen in der Schweiz realisieren neue Bürokonzepte, die unterschiedliche Arbeitsplätze offerieren. Dazu gehören auch Rückzugsorte, buchbare Gesprächsräume oder stille Arbeitszellen. Andere Unternehmen gehen einen Schritt weiter und entwickeln sogenannte offene Lernlandschaften.

In unterschiedlich gestalteten Räumen suchen sich Lernende ihre Lernecken selbst aus. Bewegliche und je nach Lernsetting flexibel einsetzbare Möbel ermöglichen räumliche Nähe oder schaffen Distanz und Ruhe. Ist ein geschlossener Raum erforderlich, lässt er sich durch faltbare Wände leicht bauen. Die Wände sind beschreibbar, wie etwa im Innovationscampus des Technologiekonzerns Bühler Group. Besondere Sitzmöbel ermöglichen neue Blickwinkel und laden zu kreativem Lernen und Arbeiten ein.

Nicht nur klassische Lernräume verändern sich, sondern auch das Lernen an Maschinen oder in Maschinenräumen. Instruktion und Produktion liegen räumlich näher beieinander und können so besser miteinander verknüpft werden. Dort ist Platz für das gemeinsame Lernen, Diskutieren und Ausprobieren.

Mobilität eröffnet neue Lernräume

Neue Lernorte erschliessen sich Lernende auch, indem sie ihren betrieblichen Kontext wechseln und in anderen Unternehmensteilen oder Partnerunternehmen im In- und Ausland arbeiten. Swisscom und Login bieten beispielsweise halbjährliche Wechsel des Arbeitsortes an. Die Post und Swisscom ermöglichen Lernenden in der Romandie einen Austausch, damit sie andere Arbeitsplätze kennenlernen.

KV-Lernende bei Schindler haben die Möglichkeit, ihre Ausbildung auf vier Jahre auszudehnen und ein Jahr davon in einer Aussenstelle zu verbringen, je sechs Monate in England und in Frankreich. Die Firma Huber+Suhner bietet Lernenden an, ein Praktikum in einem anderen Bereich zu absolvieren.  So war ein Polymechaniker bei einem Werkzeugmacher, ein Physiklaborant bei der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN), Konstrukteure gehen zur Prodartis AG in Appenzell, die auf 3D-Druck spezialisiert ist, und Logistik-Lernende wechseln zu einem anderen Unternehmen.

Digital aus dem Ausland zugeschaltet

Die Verlagerung des Lernens in digitale Räume wird besonders relevant, wenn Lernende bereits während der Ausbildung im Ausland arbeiten wie bei der international tätigen Bühler Group. Das 2011 entwickelte digitale Ausbildungskonzept «Class unlimited» sieht vor, Lernende über die Lernarena ihrer Berufsfachschulklasse in der Schweiz digital aus dem Ausland zuzuschalten. Hier wird das Flipped-Classroom-Konzept angewendet: Die Wissensvermittlung ist vorgelagert und erfolgt durch Zugriff auf digitalisierte Inhalte. Im Klassenzimmer findet der Dialog statt.

In den «Digilabs» von Schindler können Informatiklernende «Hacker Workshops» durchführen, um sich mit den Gefahren auseinanderzusetzen. Auch das Lernen an Maschinen wurde partiell digitalisiert. An einem digitalen Zwilling – einer Simulation – können Arbeitsschritte wie die Maschinensteuerung oder -überwachung geübt werden, bevor es an die richtige Maschine geht. So können mehrere Personen gleichzeitig an einer Maschine geschult werden.

Nicht jeder neu geschaffene Lernraum wird dauerhaft von Lernenden genutzt, und so manches Konzept wurde wieder aufgegeben.

Sich Lernräume selbst erschliessen

Nicht jeder neu geschaffene Lernraum wird dauerhaft von Lernenden genutzt, und so manches Konzept wurde wieder aufgegeben. So verschwanden beispielsweise der von Lernenden geführte Swisscom-Shop, die Lernendenfiliale der Post oder auch die ICT-Wohngemeinschaft bei Swisscom. Die Erfahrung zeigt zudem, dass sich Jugendliche ihre Lernräume mit Vorliebe selbst erschliessen und gerne einbezogen werden, wenn es darum geht, solche zu schaffen.

Lernprozesse enger begleiten

Neue Raumkonzepte erfordern neue pädagogische Konzepte. Lehrpersonen und Berufsbildende müssen für diese neuen Lernformen geschult werden. Sie begeben sich zunehmend in die Rolle des Coaches und begleiten individualisierte Lernprozesse teilweise enger.

Lernende wiederum suchen verstärkt den Austausch mit Peers und brauchen Begegnungszentren wie Co-Working-Spaces, Cafeterias oder Lernateliers. Allerdings sind Lernende mehr als je zuvor gefordert, sich selbst erfolgreich zu managen und Strategien gegen Rückschläge und Unwägbarkeiten zu entwickeln.