Die Kunst der Koordination und Kooperation

Eine gute Zusammenarbeit zwischen Betrieb, Berufsfachschule und überbetrieblichen Kursen ist für die Lernenden wichtig, um ihre beruflichen Kompetenzen aufbauen zu können. Damit dies gelingt, gilt es die Lernprozesse an den verschiedenen Lernorten aufeinander abzustimmen. Im Berufsentwicklungsprozess wird diese Kooperation systematisch gefördert.

verschwommenes Foto von einem Kendama in Aktion
Fotografie von Haydée Cuenat, erstes Lehrjahr Interactive Media Designer:in, École romande d’arts et communication (Eracom), Lausanne
EHB

Von Eveline Krähenbühl und Alexandra Strebel 

Jeder Lernort funktioniert nach seiner eigenen Logik und trägt auf seine eigene Art zur Ausbildung der Lernenden bei. Bis heute ist es idealtypisch Aufgabe der Berufsfachschule, die Theorie zur Praxis zu vermitteln. Im Betrieb üben die Lernenden die praktischen Fertigkeiten und Fähigkeiten ein. In den überbetrieblichen Kursen (üK) werden die Lernenden in praktische Arbeiten ausserhalb des Betriebsalltags eingeführt und können diese anwenden und üben.

Entwickelt hat sich die Berufsbildung am Anfang des 20. Jahrhunderts aus der Lehre beim Meister, also am Lernort Betrieb. Der schulische Lernort entstand, um die Arbeitskräfte besser auszubilden und so die Qualität der Produkte zu erhöhen. Zudem sollte durch Bildung zu Moral, Religion und Staatsbürgertum die soziale Frage entschärft werden, wie es Lorenzo Bonoli, Forscher und Leiter des Master of Science in Berufsbildung an der EHB, beschreibt. Der dritte Lernort hat sich im Laufe der Zeit aus Vorlehrkursen und dann Einführungskursen bis hin zu den heutigen überbetrieblichen Kursen entwickelt.

Seit fast 100 Jahren gesetzlich verankert

Mit der institutionellen Verankerung der drei Lernorte im Berufsbildungsgesetz von 1930 entstand auch die Frage, wie sich deren Zusammenarbeit gestalten soll. Die Handlungskompetenzorientierung setzt heute voraus, dass die drei Lernorte sehr eng kooperieren und die Ausbildungsinhalte koordinieren, damit berufliche Handlungskompetenzen nachhaltig aufgebaut werden können. Damit dies gelingt, wird die Lernortkoordination und -kooperation bereits im Berufsentwicklungsprozess gefördert.

Die beruflichen Grundbildungen werden regelmässig auf ihre Aktualität hin überprüft. Dabei sind die Berufsverbände und die Berufsbildenden aus den Lehrbetrieben zentral: Sie sind am Puls der Arbeitswelt und wissen, wie sich die Anforderungen in ihrem Berufsfeld entwickeln. Hat sich ein Beruf stark verändert, steht eine Revision der Ausbildungsinhalte an.

Der schulische Lernort entstand, um die Arbeitskräfte besser auszubilden und so die Qualität der Produkte zu erhöhen.

Gemeinsam entwickelte Ausbildungsziele

Vertreterinnen und Vertreter aller Lernorte arbeiten in der Berufsentwicklung zusammen. Gemeinsam entwickeln sie die Ziele und Inhalte der beruflichen Grundbildung. Mit einer Berufsfeldanalyse werden die Handlungskompetenzen erhoben, die für den Beruf zentral sind. Basierend darauf gestalten die Berufsbildenden, die Lehrpersonen und die Verantwortlichen der üK gemeinsam den Bildungsplan. Dieser beschreibt in Form von Leistungszielen das Anforderungsniveau des Berufs. Die Berufsbildenden, Lehrpersonen und üK-Verantwortlichen gehen dabei immer von den beruflichen Situationen und den Leistungszielen des Lernorts Betrieb aus. Ziel ist es, dass sich die Inhalte der drei Lernorte sinnvoll ergänzen. Dann erstellen die Berufsbildungsverantwortlichen eine Lernortkoordinationstabelle (LOK). Diese zeigt für die Lernenden und die Berufsbildungsverantwortlichen der drei Lernorte transparent auf, wann welche Kompetenzen aufgebaut werden.

Aufeinander abgestimmte Ausbildungsdokumente

Damit die Lernenden ihre Kompetenzen auf möglichst ideale Weise aufbauen können, entwickeln Vertreter:innen der drei Lernorte, unterstützt von einer berufspädagogischen Begleitung, die spezifischen Ausbildungsdokumente: die Ausbildungsprogramme, die Lerndokumentation für die Lehrbetriebe, den Lehrplan für die Berufsfachschulen und die Ausbildungsprogramme für die überbetrieblichen Kurse. Die Basis dafür bildet die Lernortkoordinationstabelle.

Ausserdem achtet die pädagogische Begleitung darauf, dass die laufenden Arbeiten immer wieder aufeinander abgestimmt werden, indem sie den Workshopteilnehmenden die Ausbildungsdokumente der anderen Lernorte vorlegt, um Validierung und Feedback zu ermöglichen.  So wird beispielsweise festgelegt, wann die Lernenden gewisse Inhalte im Lehrbetrieb einüben sollen, damit die Schule dann an den Erfahrungen der Lernenden anknüpfen kann. Ebenso wird definiert, welche Themen zuerst von der Berufsfachschule oder den überbetrieblichen Kursen eingeführt werden.

Mit Aufträgen die Lernortkooperation bewusst fördern

Zug Waggon vor blauem Hintergrund
Fotografie von Nartan Yildiz, erstes Lehrjahr Interactive Media Designer:in, École romande d’arts et communication (Eracom), Lausanne
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Die eigentliche Lernortkooperation findet konkret vor Ort statt – aber die Organisationen der Arbeitswelt können sie fördern, indem sie in den Ausbildungsdokumenten lernortübergreifende Aufträge festhalten. Ein Beispiel hierfür ist eine Projektarbeit für den Beruf Augenoptiker:in: Die Lernenden werden in der Schule zu Print- und digitalen Medien unterrichtet. Im Rahmen der überbetrieblichen Kurse bewerben sie dann in Gruppen ein augenoptisches Produkt über verschiedene Medien. Durch diesen üK-Auftrag vertiefen die Lernenden ihre Kenntnisse und Fähigkeiten in der Produktwerbung. Zurück im Lehrbetrieb wenden die Lernenden die in der Schule und im üK erworbenen Fähigkeiten an, indem sie auf einem Social-Media-Kanal ein ausgewähltes Produkt bewerben.

Von Information bis zu enger Zusammenarbeit

Was ist unter Kooperation eigentlich genau zu verstehen? Sie kann als zweckgerichtetes Zusammenarbeiten mehrerer Parteien bezeichnet werden, die gemeinsame Ziele haben. Und sie variiert in ihrer Intensität. In der Berufsbildung unterscheidet Dieter Euler, emeritierter Professor für Bildungsmanagement, die Stufen gegenseitige Information, Abstimmung und Zusammenwirken. Die einfachste Form der Kooperation ist der Austausch von Information: Der inhaltliche und zeitliche Ablauf der Ausbildung ist zum Beispiel für alle Beteiligten aus Lehrplänen und Ausbildungsprogrammen ersichtlich. Werden die Aufgaben an den Lernorten inhaltlich und zeitlich aufeinander abgestimmt, gilt dies als Lernortkoordination. Ein Beispiel dafür: Lernende erwerben in der Schule zunächst Wissen über das Vier-Ohren-Modell des Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun, das verschiedene Aspekte einer Äusserung beschreibt. Dann üben sie im üK ein Beratungsgespräch und wenden dieses Modell an. 

Auf der nächsten Stufe wirken die Lernorte direkt zusammen. Im Rahmen der eigentlichen Lernortkooperation nehmen Verantwortliche eines Lernorts Elemente aus dem anderen auf und bauen sie in die eigene Arbeit ein. So richten Lehrpersonen zum Beispiel ihren Unterricht auf die betrieblichen Alltagssituationen der Lernenden aus.

Noch intensiver wird die Zusammenarbeit, wenn die Verantwortlichen aller Lernorte Ziele und Aufgaben gemeinsam definieren und umsetzen. Dabei sind alle aufeinander angewiesen, um ihre Ziele zu erreichen, zum Beispiel im Rahmen von lernortübergreifenden Projektarbeiten.

Neue Möglichkeiten durch digitale Tools

Die Digitalisierung ermöglicht es, die Vernetzung der Lernorte zu unterstützen, zu intensivieren und neu zu gestalten.  Digitale Tools können zum gegenseitigen Informationsaustausch beitragen und Berufsbildenden sowie Lehrpersonen auf einfache Art aufzeigen, wo ihre Lernenden in der Ausbildung stehen. Die Lernenden wiederum erkennen leichter, welche Wissensinhalte mit welcher beruflichen Tätigkeit verknüpft sind. In der digitalen Umgebung dokumentieren die Lernenden ihre praktischen Erfahrungen im Betrieb. So werden diese für den Unterricht in der Berufsfachschule oder die üK nutzbar gemacht. 

Wenn Berufsbildende und Lehrpersonen über eine gemeinsame Lernplattform miteinander in Kontakt treten, um Projekte zu organisieren, erleichtert dies die Lernortkooperation. Das Zentrum für Berufsentwicklung der EHB hat sich eingehend mit digitalen Lehr- und Lernumgebungen befasst und begleitet Berufsverbände von der Auswahl der Plattform über die passende pädagogischdidaktische Ausgestaltung bis hin zu den darauf abgestimmten Qualifikationsverfahren. 

vierfarbiger Schatten
Fotografie von Haydée Cuenat, erstes Lehrjahr Interactive Media Designer:in, École romande d’arts et communication (Eracom), Lausanne
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Wie Sabine Seufert, Professorin für Wirtschaftspädagogik an der Universität St. Gallen, jedoch im Projekt «Zukunftsmodelle der Lernortkooperation» feststellt, verwenden die Lernorte häufig unterschiedliche Plattformen, sodass Lernende den digitalen «Lernort» jeweils wechseln müssen, was den lernortübergreifenden Kompetenzaufbau erschwert. 
 

Idealerweise dient in ihrer Zukunftsvision eine übergeordnete, auf die Lernenden ausgerichtete Plattform als Schnittstelle. Zusammen mit einem Portfoliosystem lässt sich damit die individuelle Kompetenzentwicklung fördern. Die Lernenden rücken so noch stärker ins Zentrum:  Sie lernen selbstorganisiert und die Lernwege werden individuell auf sie abgestimmt. So könnten sich in Zukunft die Grenzen zwischen den Lernorten zu eigentlichen Verbindungen verwandeln.

Kooperation findet nicht von allein statt

Die drei Lernorte haben sich historisch entwickelt und schaffen Stabilität in der Berufsbildung, doch Herausforderungen bleiben bestehen. Durch die verschiedenen Lernorte haben die Lernenden die Möglichkeit, vielfältige Formen des Lernens und Lehrens zu erfahren – aber es besteht auch die Gefahr, dass sie die Inhalte aus den verschiedenen Lernorten nicht genug miteinander vernetzen können.

Die Zusammenarbeit findet nicht von alleine statt. Sie muss systematisch von den Berufsverbänden und berufspädagogischen Begleitungen unterstützt werden. Dies beginnt im Berufsentwicklungsprozess, in dem sich alle Lernorte einbringen. Hier entstehen vielfältige Ansätze dafür, wie sich die Lernortkoordination und -kooperation in einem bestimmten Beruf stärken lässt. Erleichterter Informationsaustausch und Transparenz, zeitlich aufeinander abgestimmte Lerninhalte oder auch lernortübergreifende Aufträge: All dies ist mit oder ohne digitale Plattformen möglich. Ein wichtiger Nebeneffekt davon, dass die Ausbildungsinstrumente gemeinsam erarbeitet werden: So entstehen und wachsen Netzwerke unter den Verantwortlichen der verschiedenen Lernorte, welche die konkrete Lernortkooperation vor Ort später erleichtern. 

Der Aufwand dafür lohnt sich, denn das Ziel der Koordination und Kooperation zwischen Lehrbetrieb, Berufsfachschule und überbetrieblichen Kursen ist es, eine qualitativ hochstehende Ausbildung zu bieten und die Lernenden optimal dabei zu unterstützen, ihre Kompetenzen aufzubauen.

Literatur

Bonoli, L. (2022). Der weltberühmte Kompromiss. NZZ Geschichte (Februar), 48–52. 

Euler, D. (1999). Lernortkooperation in der beruflichen Bildung. Stand und Perspektiven aus Sicht wirtschaftspädagogischer Forschung. In: Harney, K.; Tenorth, H.-E. (Hrsg.): Beruf und Berufsbildung. Weinheim u.a. Beltz, 249–272.

Seufert, S. (2023). Wie Künstliche Intelligenz die Lernortkooperation vereinfachen könnte. Transfer. Berufsbildung in Forschung und Praxis 8(6).