«Ein Semester zum Austesten für alle»

Andreas Bischof leitet die Berufsbildung der international tätigen Bühler Group. Er und sein Team müssen dafür sorgen, dass der Technologiekonzern die benötigten Fachkräfte selbst ausbildet. Dafür bietet das Unternehmen den jungen Leuten Karriereberatungen oder Auslandeinsätze an. Andreas Bischofs Vision von der Berufsbildung der Zukunft geht derweil noch einen Schritt weiter.

Portrait Andreas Bischof
Andreas Bischof, Leiter Berufsbildung beim Technologiekonzern Bühler
EHB/Ben Zurbriggen

Von Peter Bader, freier Mitarbeiter, Kommunikation EHB

Alles begann mit einer Seeüberque­rung. Als Teenager schwamm Andreas Bischof über den Bodensee, 13 Kilo­meter in rund fünf Stunden. Eine Zei­tung berichtete darüber, und der Rek­tor der Berufsfachschule Arbon wurde auf ihn aufmerksam. Dieser kannte Andreas Bischof schon als engagier­ten Schwimmlehrer im Schwimmklub Arbon. Und dachte sich: Das wäre ei­ner für unsere Berufsfachschule. Seit­her bildet der Maschinenzeichner Ler­nende aus: zuerst als Berufsfachschul­lehrer und seit 15 Jahren als Leiter Berufsbildung des Technologiekon­zerns Bühler Group, der weltweit rund 600 Lernende beschäftigt. Am Haupt­sitz im sankt­gallischen Uzwil arbeiten derzeit 291 Lernende, hauptsächlich als Polymechanikerinnen, Konstrukteure, Automatiker oder Informatikerinnen.

Zeugnis spielt keine grosse Rolle

Wir besuchen den 58-­Jährigen im kürz­lich eröffneten Bühler-Energy-Center in Uzwil, einem fast schon futuristisch anmutenden Bau aus Stahl, Holz und Glas. Er steht sinnbildlich unter ande­rem für die grossen Anstrengungen des Unternehmens in der Berufsbildung. Darin finden sich etwa eine Fertigungs­halle, in der Lernende an Kundenauf­trägen arbeiten, und moderne Schulungsräume. Bis zu 90 Lernende be­ginnen ihre Ausbildung jedes Jahr in Uzwil und Appenzell, mindestens zwei Drittel von ihnen bleiben der Bühler Group nach der Lehre erhalten. «Wir bilden unsere zukünftigen Fachkräfte selbst aus», sagt Andreas Bischof.

«Alle können sich bei uns bewer­ben, auf Zeugnisnoten schauen wir nicht in erster Linie», ergänzt der Va­ter zweier erwachsener Kinder. Nach einer Schnupperlehre gibt es ein Feed­back: «Natürlich achten wir darauf, ob sich jemand geschickt anstellt. Es geht aber auch darum, ob sie Interesse und Leidenschaft für den Beruf zeigen und zur Firmenkultur passen.»

Erhält jemand den Zuschlag für ei­ne Lehrstelle, nimmt das Team von Andreas Bischof Kontakt mit der Lehr­person auf und gibt Hinweise, wie sich die jungen Leute gezielt auf die Ausbildung vorbereiten können. Der Leiter der Berufsbildung ist über die Kantonsgrenzen hinweg mit vielen Schulen vernetzt. «Die Lehrpersonen sollen merken, dass wir uns gut um unsere Lernenden kümmern. Das er­höht die Chancen, dass sie eine Leh­re bei uns empfehlen», sagt er.

««Die Lehrpersonen sollen merken, dass wir uns gut um unsere Lernenden kümmern.»»
Andreas Bischof

Anpassen an Bedingungen vor Ort

Während der Ausbildung haben die Lernenden die Möglichkeit, drei bis sechs Monate an einem Bühler­-Stand­ort im Ausland zu arbeiten und dabei online am gewohnten Unterricht der Berufsfachschule teilzunehmen. Zu­dem können sie ab Mitte der Ausbil­dung eine Karriereberatung in An­spruch nehmen.

Gut einen Monat pro Jahr verbringt Andreas Bischof an den Bühler­-Stand­orten im Ausland. Er versucht dort da­rauf hinzuwirken, dass sich Ausbil­dungen für die von Bühler benötigten Berufe etablieren. So entstand in den USA etwa das Berufsbild des «techni­cal service engineer». «Unsere duale Berufsbildung muss immer an die Be­dingungen vor Ort angepasst werden», sagt er.

Seit vier Jahren vertritt er zudem die Maschinen-­, Elektro-­ und Metall­industrie in der Eidgenössischen Be­rufsbildungskommission. Dabei hat er sich unter anderem erfolgreich da­für eingesetzt, dass das Programm «viamia» für eine kostenlose berufli­che Standortbestimmung auch im Kanton St. Gallen angeboten wird.

Seine Vision für die Lehre der Zu­kunft: «Alle Lernenden sollten sich in einem Betrieb zuerst nur für ein bestimmtes Berufsfeld entscheiden und erst nach einem halben Jahr für einen konkreten Beruf. So hätten wir mehr zufriedene Berufsleute am rich­tigen Platz.»