«Lernende müssen Stopp sagen können»

Lernende verunfallen doppelt so häufig wie Erwachsene. 2012 startete die Schweizerische Unfallversicherung (Suva) eine Kampagne, um das zu ändern: Insbesondere Berufsbildnerinnen und Berufsbildner sollten eine Sicherheits- und Präventionskultur schaffen, in der sich Lernende wohlfühlen, ist Suva-Geschäftsleitungsmitglied Edith Müller Loretz überzeugt.

Portrait von Edith Müller
Suva-Geschäftsleitungsmitglied Edith Müller Loretz
zVg/@grund.photo

Interview: Peter Bader, freier Mitarbeiter, Kommunikation EHB

Frau Müller Loretz, Sie haben eine Lehre als Drogistin gemacht. Gab es da brenzlige Situationen?

Richtig gefährlich war es nie. Aber als Drogistin hantierte ich durchaus mit Säuren und anderen Chemika­lien. Das wurde mir einmal demons­triert, dann führte ich diese Arbei­ten selbst aus. Das war normal, die Sicherheitsvorkehrungen waren da­mals längst noch nicht so ausgeprägt wie heute.

Sie haben zwei Kinder. Kam es bei deren Ausbildungen zu gefährlichen Vorfällen?

Die haben beide den schulischen Weg beschritten, sind als Spitzensportle­rin und Spitzensportler aber nun in ziemlich gefährlichen Sportarten ge­landet: Meine Tochter spielt Hand­ball, mein Sohn ist Torhüter beim FC Luzern. Gravierende Verletzungen hatten aber zum Glück beide noch keine.

Jede:r achte Lernende in der Schweiz erleidet pro Jahr einen Berufsunfall, zwei dieser Unfälle enden tödlich. Die Unfallgefahr ist doppelt so hoch wie bei Erwachsenen. Warum?

Lernende kennen die Gefahren noch nicht oder unterschätzen sie. Tenden­ziell sind junge Leute auch risikofreu­diger. Gleichzeitig fehlt es ihnen an Erfahrung. Darum haben nicht nur Lernende ein erhöhtes Unfallrisiko, sondern generell junge Arbeitneh­mende. Am Arbeitsplatz sind sie noch nicht vertraut mit systematischen Vorgehensweisen, mit denen sich Ri­siken minimieren lassen. Zudem wer­den sie von den Berufsbildenden oft nicht oder zu wenig instruiert und überwacht.

Gibt es typische Unfallszenarien?

Für uns ist das schwierig zu verallge­meinern, weil wir die genauen Unfall­hergänge nicht immer kennen. Sicher ist: Die meisten Lernenden verletzen sich an den Händen – beim Schnei­den, Bohren oder Stechen.

Verunfallen junge Männer öfter als junge Frauen?

Ja. Zum einen arbeiten Männer eher in Berufen, in denen es vermehrt zu Unfällen kommt – als Förster, Gleis­bauer, auf Baustellen. Zum andern sind sie risikofreudiger, was sich auch in den entsprechend höheren Zahlen der Freizeitunfälle niederschlägt.

Welche Rolle spielen Stress und Zeitdruck bei den Unfällen?

Stress und Zeitdruck gehören in vielen Betrieben zum Alltag. In hektischen Zeiten ist es umso wichtiger, dass die lebenswichtigen Regeln eingehalten werden und man in gefährlichen Mo­menten Stopp sagt. Für Lernende ist es nicht immer einfach, diesen Mut aufzubringen, darum ist es zentral, dass die Geschäftsleitung sicheres und gesundes Arbeiten fördert und fordert und auch selbst vorlebt.

«Die meisten Lernenden verletzen sich an den Händen – beim Schneiden, Bohren oder Stechen.»
Edith Müller Loretz

Die Suva startete 2012 die Kampagne «Sichere und gesunde Lehrzeit»: Wo setzt diese an?

Einer unserer wichtigsten Ansatz­punkte liegt bei den Berufsbildnerin­nen und Berufsbildern: Sie müssen die jungen Leute für die Gefahren sensibilisieren, ihnen ein systemati­sches Vorgehen zeigen. Ganz wichtig ist es, dass die Lernenden jederzeit Stopp sagen können, wenn sie in Si­tuationen geraten, in denen sie sich unwohl fühlen.

Welches sind die wichtigsten Massnahmen der Kampagne?

Es gibt Checklisten und Leitfäden da­zu, wie Berufsbildnerinnen und Be­rufsbildner Lernende einführen kön­nen. Wir haben Sicherheitsvideos produziert, und es gibt ein Lehrmit­tel, mit dem die jungen Leute ihr ei­genes Risikoverhalten reflektieren können. Mit einem Sicherheitspar­cours sind wir zum Beispiel an den SwissSkills präsent. Berufsfachschu­len stellen wir zudem Unterlagen für einen sicheren Sportunterricht zur Verfügung.

Die Sicherheitsexpertin

Edith Müller Loretz, 55, absolvierte eine Lehre als Drogistin. Später studierte sie Betriebsökonomie und bildete sich weiter in Kommunikation und Arbeits- und Organisationspsychologie. 1998 stiess sie als Kampagnenleiterin Schneesport zur Suva, übernahm verschiedene Führungs-funktionen und ist seit 2019 Leiterin des Departements Gesundheits schutz und Personal sowie Mitglied der Geschäftsleitung der Suva. Müller Loretz ist Mutter zweier erwachsener Kinder und lebt mit ihrer Familie in Kriens.

Wie kommen die Massnahmen an?

Betriebe sowie Berufsbildnerinnen und Berufsbildner sind froh um un­sere Unterstützung. Wie die Massnah­men bei den jungen Leuten ankom­men, hängt natürlich auch davon ab, wie sie jeweils vermittelt werden. Da­ran sind wir nicht direkt beteiligt.

Ein Lehrer an der Luzerner Berufs­fachschule macht das im Sportunter­richt sehr geschickt: Er geht mit den jungen Leuten etwa auf Biketouren und liefert ihnen so Sicherheitstipps, die sie in ihrer Freizeit gut gebrau­chen können. 

Auch der Sicherheitsparcours kommt gut an. Dort gibt es einen Pos­ten, bei dem man einen Helm trägt und einem eine Billardkugel auf den geschützten Kopf fällt. Das ist ein­drücklich, denn man fragt sich, was wohl ohne Helm passieren würde. Solche Erlebnisse hinterlassen einen nachhaltigen Eindruck.

«Es ist zentral, dass die Geschäftsleitung sicheres und gesundes Arbeiten fördert und fordert und auch selbst vorlebt.»
Edith Müller Loretz

Was hat die Kampagne bewirkt?

Das Unfallrisiko ist in den vergange­nen Jahren erfreulicherweise leicht gesunken, was vermutlich nicht nur auf die Kampagne zurückzuführen ist. Es könnte unter anderem auch daran liegen, dass das Sicherheitsbewusst­sein im Allgemeinen gestiegen ist. Die Präventionsarbeit bleibt aber wichtig. Denn wenn Lernende sicheres und gesundes Verhalten in ihrer Ausbil­dung lernen, wenden sie dies auch später an und sind so ihrerseits gute Vorbilder für zukünftige Lernende.

Welches sind derzeit die grössten Herausforderungen?

Es ist bekannt, dass psychische Pro­bleme bei jungen Leuten zugenom­men haben. Das kann unter anderem zu mehr Stresssituationen im Arbeits­alltag führen und so die Arbeitssi­cherheit beeinträchtigen. Deshalb ist es eine unserer wichtigsten Aufga­ben, Betriebe für dieses Thema zu sensibilisieren.