Vielfalt lässt Neues entstehen

Ockhams Rasiermesser wird heute oft zitiert, um Überflüssiges abzuschneiden und eine einfachere Lösung zu finden. Tatsächlich bewährt sich diese Faustregel in vielen Situationen, von der Wissenschaft bis zum Marketing. Allerdings empfiehlt es sich, vorsichtig damit umzugehen, denn man kann auch zu simpel argumentieren.

Dr. Barbara Fontanellaz
EHB, Ben Zurbriggen

Erklärungen müssen nicht nur so einfach wie möglich sein, sondern auch differenziert genug, um die Komplexität der Welt zu erfassen. Wilhelm von Ockham half vor bald 700 Jahren mit klaren Ideen, die Moderne einzuläuten und ihrer zunehmenden Komplexität gerecht zu werden. Unmittelbar vor dem Ausbruch einer anderen Pandemie, der Grossen Pest von 1348, fragte sich der Franziskanermönch nämlich, wie wir erkennen und wie wir zu Wissen kommen. Diese Fragen waren nicht neu. Aber Ockham leitete mit seinem «Rasiermesser» (das er selbst nie so bezeichnet hat) neue Antworten her: dass es darauf ankomme, evidenzbasierte Aussagen über die Welt zu machen und, später, dass staatliche Autorität nicht gottgegeben sei, sondern sich aus der Verpflichtung zum Gemeinwohl legitimiere. 

Noch radikaler kam er zum Schluss, dass es eine offene Vielfalt an Welten geben könne, was fast als Vorwegnahme heutiger Erkenntnisse der Quantenphysik klingt. Er trat ein für die Individualität und die Einmaligkeit aller Dinge, damit auch der Menschen. Mit solchen Gedanken trug Ockham nicht nur zur sogenannten «Krise des 14. Jahrhunderts» bei, zur Erschütterung des mittelalterlichen Weltbilds, sondern zur Entwicklung moderner wissenschaftlicher Herangehensweisen und gesellschaftsphilosophischer Ansätze. 

Diese geistige Öffnung brauchen wir auch heute, denn Entwicklungen wie Globalisierung, Digitalisierung und nicht zuletzt die Pandemie führen uns in einen Umbruch, eine Erschütterung unseres Weltbilds, deren Folgen wir im besten Fall erahnen können. Um diese zu bewältigen, benötigen wir Ideen und Räume, in denen sie wachsen und sich durch vielfältige Verflechtung zu Neuem entwickeln können: den Bildungsraum, den Forschungsraum.  

Darin arbeiten Menschen, wie Wilhelm von Ockham, an grossen Ideen, aber auch an Millionen von kleineren Ideen. Wie erreichen wir, nicht zuletzt in der Berufsbildung, die Öffnung, die Bereitschaft und die Fähigkeit, an Neuem zu arbeiten? Mögliche Ansätze wollen wir gerade an unserer bevorstehenden «NewSkills»-Tagung mit Ihnen beleuchten. 

Dr. Barbara Fontanellaz 
Direktorin EHB