Projekt

Situation von Lernenden und Bewältigung von Übergängen im niederschwelligen Ausbildungsbereich

Find new solution
Im Jahr 2004 wurde in der Schweiz die zweijährige berufliche Grundbildung mit eidgenössischem Berufsattest (EBA) eingeführt. Das Ziel war, die Integration von Jugendlichen in den Arbeitsmarkt sowie den Übertritt in Anschluss-Ausbildungen dank standardisierter Inhalte zu erleichtern. Jugendliche, die keine EBA-Ausbildung absolvieren können, haben die Möglichkeit, eine praktische Ausbildung (PrA) abzuschliessen, die vor gut zehn Jahren vom nationalen Branchenverband INSOS eingeführt wurde.

Die Erfahrungen seit der Einführung der beiden Ausbildungsangebote sind insgesamt positiv, wie verschiedene Evaluationen (Fitzli et al. 2016, Sempert und Kammermann 2010) zeigen. Eine explorative Studie (Hofmann, Duc, Häfeli und Lamamra 2016) zeigt allerdings auch, dass noch wenig Informationen über vorzeitige Lehrvertragsauflösungen und über die berufliche Integration der Absolventinnen und Absolventen der EBA- und PrA-Ausbildung vorliegen. Auch scheinen insbesondere die Akteure der Arbeitswelt noch unzureichend über die beiden Bildungsgänge informiert zu sein, was auch die geringe Akzeptanz erklärt. Die Studie LUNA («Lernende in Übergangssituationen im niederschwelligen Ausbildungsbereich») hatte zum Ziel, die verschiedenen Herausforderungen besser zu verstehen und insbesondere folgende Fragen zu beantworten:

  1. Passung des Bildungsangebots mit den Erwartungen der Lernenden: Inwiefern sind die Lernenden mit ihrer Ausbildung zufrieden? Wie erleben sie ihre Ausbildung an der Berufsfachschule und im Lehrbetrieb?
  2. Lehrvertragsauflösung als Symptom einer mangelnden Passung zwischen dem Bildungsangebot und den Erwartungen der Lernenden: Welches sind die Gründe für eine Lehrvertragsauflösung, wie geht es nach der Lehrvertragsauflösung weiter und wie können die betroffenen Jugendlichen noch besser unterstützt werden?
  3. Berufliche Perspektiven und Übergang in den Arbeitsmarkt: Sind die Absolventinnen und Absolventen dieser niederschwelligen Bildungsangebote gut in der Arbeitswelt integriert? Sind die Übertrittsmöglichkeiten in eine Anschluss-Ausbildung (EBA für Absolventinnen und Absolventen der PrA, EFZ für Inhaberinnen und Inhaber eines EBA) bekannt und werden sie in ausreichendem Mass in Anspruch genommen?
Methode

Mit einer Längsschnittstudie im mixed method Design wurden in der Deutschschweiz und der Romandie drei Jahre lang die Situationen von Lernenden aus den sechs EBA-Bildungsgängen Schreinerpraktiker/in, Hauswirtschaftspraktiker/in, Baupraktiker/in, Malerpraktiker/in, Küchenangestellte/r, Restaurantangestellte/r und den entsprechenden PrA-Bildungsgängen untersucht. Für den quantitativen Studienteil wurden die Lernenden zu drei verschiedenen Zeitpunkten ihrer Ausbildung mittels Fragebogen befragt. Die erste Befragung fand zu Beginn der Ausbildung statt (788), die zweite am Ausbildungsende (714), die dritte wurde acht Monate nach Lehrabschluss durchgeführt (424). Etwa 20 % der Befragten absolvierten eine PrA. Im Rahmen der qualitativen Untersuchung wurden Interviews mit 37 Personen durchgeführt, die ihren Lehrvertrag vorzeitig aufgelöst hatten. 28 von ihnen wurden ein Jahr nach der Auflösung ihres Lehrverhältnisses erneut befragt.

Ergebnisse

Die Ergebnisse der quantitativen Untersuchung fördern eine grosse Heterogenität der vor Aufnahme der Berufsausbildung absolvierten schulischen Laufbahnen zu Tage und zeigen überdies, dass der Eintritt in die Berufsbildung bei EBA- und PrA-Lernenden stark verzögert erfolgt. Die hohe Zufriedenheit der Lernenden mit ihrer Ausbildung sowie die Tatsache, dass die Arbeitsbelastung in der Schule und im Lehrbetrieb als relativ gering wahrgenommen wird, zeugen von einer guten Passung zwischen dem Ausbildungsangebot und dem Zielpublikum.

Die Ergebnisse der Untersuchung bei Jugendlichen, die ihren Lehrvertrag vorzeitig aufgelöst haben, zeichnen allerdings ein anderes Bild. 21 % der im Rahmen dieser Studie befragten EBA-Lernenden haben ihren Lehrvertrag vorzeitig aufgelöst, bei den PrA-Absolventinnen und Absolventen waren es 27 %. Die Quoten variieren je nach Branche zwischen 17 und 28 %. Aus der qualitativen Untersuchung geht hervor, dass die Gründe für den vorzeitigen Lehrabbruch ähnlich sind, wie bei EFZ-Lernenden (Lamamra und Masdonati 2009): ungenügende Leistungen, zwischenmenschliche Probleme oder Konflikte am Arbeitsplatz oder in der Berufsfachschule, falsche Berufswahl und nicht zufriedenstellende Arbeits- oder Ausbildungsbedingen. Bei den EBA-Lernenden kamen zwei weitere wichtige Gründe hinzu, nämlich die als aufgezwungen empfundene «Standard»-Berufswahl, sowohl in Bezug auf den Bildungsgang als auch auf den Beruf, sowie gesundheitliche Probleme psychischer und/oder körperlicher Natur vor und während der Ausbildung. Angesichts dieser bei dieser Population ausgeprägteren Problematik stellt sich die Frage, wie gut es um die Passung zwischen Ausbildungsangebot und Zielpublikum tatsächlich steht. Kann man wirklich sagen, eine Ausbildung entspreche den Erwartungen und Bedürfnissen der Lernenden, wenn diese sich mangels Alternativen für eine solche Ausbildung entscheiden müssen? Die Auswirkungen dieser «Standard»-Auswahl auf die Gesundheit deuten ebenfalls darauf hin, dass es um die Passung weniger gut steht als angenommen. Bei den PrA-Lernenden stellte sich zudem heraus, dass eine Lehrvertragsauflösung oft auf externe Faktoren zurückzuführen ist, etwa auf einen Entscheid der IV oder einen Übertritt in eine EBA-Ausbildung. Sowohl die EBA- als auch die PrA-Lernenden berichteten oft von negativen Erlebnissen aufgrund der noch immer unzureichenden Akzeptanz der beiden Bildungsgänge. Auch hier stellt sich die Frage, wie gut es um die Passung bestellt ist.

Bezüglich der beruflichen Integration nach der Ausbildung zeigt sich, dass 79 % der EBA-Inhaberinnen und -Inhaber und 86 % der PrA-Absolventinnen und Absolventen acht Monate nach Ausbildungsabschluss einer Erwerbstätigkeit nachgehen oder sich in einer Ausbildung befinden. Etwa 20 % der Befragten hatten keine Anschlusslösung. Auch hier gestaltet sich die Situation für Jugendliche, die eine Lehrvertragsauflösung hinter sich haben, schwieriger. Die meisten von ihnen haben zwar wieder eine Ausbildung aufgenommen, die Hälfte sogar eine Ausbildung mit höheren Anforderungen, allerdings gibt der Anteil (25 %) derjenigen, die trotz der bestehenden Unterstützungsangebote eineinhalb Jahre nach der Lehrvertragsauflösung weder eine Ausbildung absolvieren noch einer Erwerbstätigkeit nachgehen, Anlass zur Sorge. Das stellt nicht nur die gute Passung zwischen Ausbildungsangebot und Zielpublikum in Frage, sondern gefährdet auch die langfristige berufliche Integration der Betroffenen.

Die bestehenden Netzwerke und Unterstützungsangebote für Jugendliche spielen in der ganzen Übergangsphase, von der Ausbildungs- und Berufswahl bis zum Eintritt in den Arbeitsmarkt eine entscheidende Rolle. Als besonders wichtig erweisen sie sich aber bei der Wiederaufnahme einer Ausbildung nach einer Lehrvertragsauflösung. Netzwerke und Unterstützungsangebote sind zwar reichlich vorhanden, allerdings sind sie untereinander schlecht koordiniert und greifen oft zu spät.

EBA und PrA sind Ausbildungen, die sich für Jugendliche aus den unterschiedlichsten soziokulturellen und schulischen Kontexten eignen. Allerdings hat sich auch gezeigt, dass sie eben nicht für alle Jugendlichen das Passende sind, was letztlich Lehrvertragsauflösungen zur Folge haben kann. Weiter hat sich gezeigt, dass insbesondere die Unternehmen, aber auch die Jugendlichen und ihre Eltern noch zu wenig über die beiden Ausbildungen wissen und die Akzeptanz der Bildungsgänge unzureichend ist. Verbesserungen sind unter anderem bei der Information über die Bildungsgänge und bei den verfügbaren Unterstützungsangeboten möglich. So sollte etwa die Zusammenarbeit zwischen Bildungsverantwortlichen und sozialen und therapeutischen Diensten verbessert und die fachkundige individuelle Begleitung (FIB) stärker genutzt werden.

Publikationen
Transfer in die Praxis
Format: 2021
Präsentationen
Projektstatus: 
Abgeschlossen
Datum: 
1.7.2016 bis 31.12.2019
Projektleitung: 
Mitarbeitende: 
Weitere/ehemalige Mitarbeitende: 

Isabelle Bosset

Partner/-innen: 

Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik (HfH), Zürich
Dr. Claudia Hofmann
Dr. Kurt Häfeli